Rundherum und auf den Widderstein

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Wie ein gewaltiger Wächter steht der Widderstein am Ende des Kleinwalsertals und sorgt mit seinen Nachbarn für den sehr treffenden Marketing-Slogan des Tals, die schönste Sackgasse der Welt zu sein.

Blick vom Widderstein Richtung Hochtannbergpassstrasse

Wir sind regelmässig im Kleinwalsertal unterwegs und genauso regelmässig zog der Widderstein meinen Blick auf sich und ich fragte mich, wie denn die Aussicht von dort oben wohl sein würde.

Bereits 2017 sollte eine Besteigung erfolgen, doch diese brachen wir ab, nachdem wir in eine dramatische Rettungsaktion gerieten. Seit dem Tag ging mir der Widderstein nicht mehr aus dem Kopf und ich wartete auf eine passende Gelegenheit, seinen Gipfel doch noch zu erklimmen.

Schon früh wird man am Weg auf die möglichen Gefahren hingewiesen

Diese Gelegenheit ergab sich nun im Juni 2018. Die OutDoor Messe in Friedrichshafen fand statt und ich war zudem angehalten, einige Überstunden abzubauen. Und da es vom Bodensee aus nur ein Katzensprung zum Kleinwalsertal ist, war der Plan schnell geschmiedet. Von der Messe aus fuhr ich direkt nach Baad auf den Campingplatz Vorderboden. Diesen kannten wir schon von früheren Besuchen und ich kann sagen, dass er nach der kürzlichen Renovierung der Sanitäranlagen jetzt noch besser geworden ist.

Der Plan sah vor, den Widderstein von Baad aus einmal zu umrunden und über den üblichen Aufstieg seinen Gipfel zu erklimmen. Für den Nachmittag waren Gewitter angekündigt, so dass ich mich möglichst früh auf die Socken machen wollte.

Aber erst einmal hiess es, sich etwas zu essen zu besorgen, da ich zur Messe nur mit Minimalausstattung gefahren bin und nichts zum Kochen und dergleichen dabei hatte. Zu Fuß ging es also Abends nach Mittelberg, wo ich mir den Magen mit einer leckeren Brotzeit vollschlagen konnte. Für den nächsten Tag hatte ich mich im Kiosk des Campingplatzes bereits eingedeckt.

Am nächsten Morgen checkte ich am Campingplatz aus und durfte auf Nachfrage den Wagen dort stehen lassen. Das hatte zudem den Vorteil, dass es auffallen würde, sollte ich gegen Abend nicht zurück sein. Das Ziel meiner Tour hatte ich jedenfalls bekanntgegeben, man weiss ja nie.

Gipfelpanorama in Richtung Kleinwalsertal

Zunächst führt der Weg entlang der Breitach in Richtung Baad. Der Himmel war blau und nur vereinzelt zeigten sich Wolken. Am Wanderparkplatz in Baad überquert man die Breitach auf einer Brücke und folgt dem Bärguntbach. Ich muss noch immer schmunzeln, wenn ich an den Namen des ganzen Tals – Bärgunttal – denke. Klingt wie Berg-und-Tal, zumindest kann ich es mir so leichter merken.

Nach kurzer Zeit weichen die Bäume etwas zurück und geben den Blick frei in eben jenes Tal. Links vom Bach zieht der Weg in Richtung der Bärgunthütte, die aber noch geschlossen war, als ich sie passierte. Kurz nach der Hütte gilt es in einem Waldstück, die ersten deutlicheren Steigungen zurückzulegen. Im weiteren Verlauf wechseln sich offene und bewaldete, flache und steilere Abschnitte ab. Es empfiehlt sich auf jeden Fall, ab und zu einen Blick zurück in das Tal zu werfen. Je weiter oben man ist, umso schöner wird der Blick. Aber das überrascht jetzt wirklich nicht, oder?

Blick zurück ins Bärguntal

Nach einem letzten Aufschwung erreicht man den Hochalppass und kann hier schon mal ein schönes Panorama geniessen. Links thront der Widderstein und scheint durch seine Erscheinung zu sagen: “Bis hier hoch ist es aber noch ein Stück, Freundchen!”

Über einen schmalen Pfad entlang eines grün bewachsenen Hanges wendet man sich nun dem Widderstein zu. Hier habe ich das Glück, ein paar Murmeltiere zu sehen. Das Gepfeife begleitet mich schon eine ganze Weile, doch nun zeigen sich ein paar der putzigen Kameraden direkt am Weg.

Am Fuße des Widdersteins zweigt links der Pfad ab in Richtung Aufstiegsrinne. Nach den Erfahrungen aus dem Vorjahr setze ich schon relativ frühzeitig den Helm auf. Die Gemahlin hatte mir das Versprechen abgerungen, mich telefonisch zu melden, wenn ich den Aufstieg beginnen würde und auch, wenn ich wieder vom Berg runter wäre.

Schliesslich erreiche ich den Beginn der berüchtigten Rinne. Dies ist der Normalweg auf den Gipfel und für seine Gefährdung durch Steinschlag bekannt. Noch habe ich keine anderen Wanderer gesehen, aber bekanntlich sind es nicht nur andere Menschen, die Steinschlag auslösen können, sondern eben auch Tiere oder schlichtweg Erosion. Auch die Tatsache, dass ich alleine unterwegs bin, lässt die Sinne ein wenig schärfer sein und ich versuche von Zeit zu Zeit Bewegungen über mir zu erkennen oder lausche auf verräterisches Poltern. Nennt mich paranoid, aber alle paar Meter such ich mir Stellen aus, wo ich zur Not hätte Schutz suche können.

In der Aufstiegsrinne

Schaut man sich die Aufstiegsrinne mal genauer an, wird man sehen, dass es eigentlich ein riesiger Trichter ist, in dem alles, was sich weiter oben löst, unten durch die schmale Rinne donnert. Man kann es eigentlich nur ständig wiederholen – tragt hier einen Helm! Zahlreiche Gedenkplaketten zeugen von den objektiven Gefahren des Aufstiegs.

Der recht gut markierte Weg schlängelt sich nun die Rinne empor. Ich passiere die Stelle, wo unsere Besteigung im Vorjahr so abrupt endete, halte kurz inne und schaue mich um. Insgeheim hoffe ich ja noch, auf der Tour Steinböcke zu sehen, für die die Gegend bekannt ist. Leider sollte sich an diesem Tag keines der Tiere zeigen.

Der Weg nach oben

Ein Stück weiter oben gilt es, ein Schneefeld zu überqueren. Eine Dreiergruppe Bergwanderer befindet sich im Abstieg und ich warte, bis sie das Schneefeld gequert haben. Die Spur über den ca. 20 Meter langen Abschnitt ist fest und gut ausgetreten. Dahinter wartet ein großer Felsblock, den ich mir als nächsten Schutz aussuche.

Und dann passiert es. Ich bin noch nicht ganz vom Schneefeld runter, da höre ich von oben das charakteristische Poltern. Verdammt, Steinschlag! Da ich im Grunde jederzeit damit gerechnet habe, überlege ich nicht lange, sondern hechte geradezu mit wenigen Schritten in den Schatten des großen Felsblockes. Aus den Augenwinkeln sehe ich noch, wie ein circa rollkoffer-großer Stein an mir vorbeifliegt, eben jenes Schneefeld durchpflügt und seinen polternden Weg durch die Rinne fortsetzt. Jetzt muss ich erst mal durchschnaufen. Ich schaue nach unten, suche die Dreiergruppe und frage, ob bei ihnen alles in Ordnung ist. Sie scheinen mich aber nicht zu hören und aus meiner Perspektive ist ihnen nichts passiert. Da von oben nichts mehr nachkommt, setze ich den Weg auch bald fort.

Das Schneefeld. Die Spur, die der Stein gezogen hat, ist ebenfalls zu sehen.

Irgendwann weitet sich die Rinne, das Gelände öffnet sich ein wenig und man kann rechts oben bereits das Gipfelkreuz erkennen. Der Weg hält sich eher links vom Gipfel, zieht zum Süd-West-Rücken rauf und diesem folgt man bis zum Gipfel. Geschafft! Zumindest hoch. So langsam ziehen graue Wolken auf und oben ist es windig. Ich mache ein paar Fotos, geniesse wenigstens etwas die Aussicht, die ja mit ein paar Wolken noch ein wenig dramatischer wirken kann. Angesichts der angekündigten Wetterverschlechterung beschliesse ich dann aber doch bald den Rückzug.

Kurz vor dem Gipfel

Abwärts geht es über den gleichen weg. Getreu dem Motto “Schnelligkeit ist Sicherheit” halte ich mich nicht großartig auf und steige in einem Rutsch ab. Am Bergfuß angekommen melde ich mich telefonisch bei der Gemahlin, die hörbar erleichtert ist.

Nun zieht der Pfad wieder über einen grünen Hang in Richtung Widdersteinhütte, wo ich mir ein wohlverdientes Weissbier schmecken lasse. Am Gemstelpass hält man sich dann links, um ins Gemsteltal abzusteigen. Die Regenwolken, die mich oben noch vom Berg vertrieben haben, sind mittlerweile weitergezogen und die Sonne scheint wieder. Dem kann ich mich nicht entziehen und lege spontan auf der oberen Gemstelalpe eine weitere Rast ein. Bei leckerem Radler und Schmalzbroten kann man hier sehr gut die Aussicht ins Tal geniessen.

Von hier führt der Weg weiter hinunter ins Gemsteltal, vorbei an einer Klamm, in der man das Wasser rauschen hört. Sobald man die hintere Gemstelalpe (nein, ich bin nicht wieder eingekehrt), wird der Weg deutlich einfacher und flacher. Im Tal hat man nun die Wahl, ob man links oder rechts des Baches wandert. An der Mündung in die Breitach gibt es wieder eine Brücke. Ich halte mich links, da ich diesen Weg noch nicht kenne und erreiche bald Mittelberg. An der Breitach wieder links halten und man erreicht kurz vor Baad wieder den Campingplatz. Abhängig davon, wo man das Auto geparkt hat, schliesst sich hier irgendwo der Kreis.

Blick in das Gemsteltal mit der hinteren Gemstelalpe in der Bildmitte

Nun kann ich also auch die Widdersteinbesteigung in meinem Tourenbuch vermerken. Aber auch ohne den Gipfel ist die Runde fantastisch. Werde ich dort noch einmal wandern? Ja, sicher! Vielleicht sogar laufen. Immerhin gibt es im Rahmen der Walser Trailchallenge einen Lauf rund um den Widderstein. Ob ich noch mal durch die Rinne muss? Vermutlich nicht. Zwei Versuche. Zweimal Steinschlag. Die Quote ist mir schlicht zu hoch.

Und bevor jetzt wieder Fragen kommen, ob es denn nicht leichtsinnig war, trotz Steinschlaggefahr zu gehen und dann auch noch alleine. Ganz sicher nicht! Das Leichtsinnigste an dem Wochenende war, nach der Tour noch bis zum Niederrhein nach Hause zu fahren. Das sollte ich in Zukunft vermeiden!

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