Auf dem Oodnadatta Track im Outback Australiens

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Es gibt Bilder, die sieht man, die beeindrucken einen und die setzen sich fest im Kopf. Und irgendwann tauchen diese entweder aus dem Unterbewusstsein wieder auf oder springen dir ins Gesicht, wenn du nicht damit rechnest. Ein solches Bild gab es bei mir und darauf zu sehen war eine Lokomotive mitten im Nirgendwo. Auf der Front stand mit weisser Farbe geschrieben “Keep out”. Ich habe keine Ahnung, wo ich das Bild zum ersten Mal gesehen habe, aber ich weiss, wo es mich wieder ansprang. Auf unserer Tour durch Australien Ende 1997 und ich wusste, ich muss nach Marree.

Die alte Lok in Marree
Die alte Lok in Marree

Wir waren gerade mit dem Studium fertig und befanden uns auf großer Tour durch Australien und Neuseeland. Down under hatten wir uns einen Landcruiser gekauft, große Pläne im Kopf und viel Zeit. Der ursprüngliche Plan sah vor, von Sydney aus die Ostküste hochzufahren bis nach Cairns, dann ins Outback bis zum Uluru (Ayers Rock), weiter zur Westküste nach Perth und unten herum wieder zurück nach Sydney. Am Uluru dämmerte uns langsam, dass trotz der vielen Zeit, die wir noch hatten, eine Tour an die Westküste stressig werden würde, da die Entfernungen doch verdammt riesig sind. Es wäre kein Puffer für Spontanitäten oder unvorhergesehene Ereignisse vorhanden gewesen und so kamen wir zu dem Schluss, Westaustralien für später aufzuheben und mehr oder weniger direkt in Richtung Süden zu fahren. Ich kann mich heute noch daran erinnern, dass ich mit der Entscheidung absolut keine Probleme hatte, hiess es doch, dass wir nun mehr Zeit für anspruchsvollere Touren hatten und ein paar Tracks im Outback unter die Räder nehmen konnten.

Outback Piste
Outback Piste

Auf dem Oodnadatta Track

Und einer dieser Tracks war der Oodnadatta Track in Südaustralien. Und dieser Track sollte uns genau an “meiner” Lokomotive vorbei führen.

Wir fuhren also von Coober Pedy – wo wir fast Heiligabend verpasst hätten – über eine Schotterpiste in Richtung Oodnadataa. Dabei passierten wir den Dog Fence, den Dingozaun, einen 5400 Kilometer langen Maschendrahtzaun, der die Schafherden in Südaustralien vor den Dingos schützen soll. Kurz darauf durchqueren wir die sogenannte Moon Plain, in dessen karger Landschaft Filme wie Mad Max gedreht worden sind.

The dog fence
The dog fence

Unser nächstes Ziel ist der kleine Ort Oodnadatta, wo wir in den eigentlichen Track einsteigen wollen. Oodnadatta ist ein kleiner Aussenposten im Nichts, wo jedoch das Pink Roadhouse es zu einiger Berühmtheit unter Outbackfahrern gebracht hat. Neben Informationen zum Streckenzustand bekommt man natürlich auch hier ein angenehm kühles Bier. Wir liessen uns den Schlüssel zum lokalen Museum geben, welches sich im ehemaligen Bahnhofsgebäude befindet.

The pink roadhouse in Oodnadatta
The pink roadhouse in Oodnadatta

Ihr habt richtig gelesen – Bahnhofsgebäude. Der Oodnadatta Track verläuft nämlich auf historischer Strecke. Als erster Europäer ist John McDouall Stuart 1862 hier auf seiner Süd-Nord Durchquerung Australien vorbei gekommen. Basierend auf seinen Aufzeichnungen wurde kurze Zeit später mit dem Bau einer Telegraphenverbindung und einer Eisenbahnstrecke begonnen. Letztere, The Old Ghan genannt, wurde Anfang der 80-ger Jahre eingestellt, da unter anderem wegen des extremen Wetters die Instandhaltung der Strecke zu aufwändig wurde. Aufgrund dieser Historie gibt es entlang des Oodnadatta Tracks viel zu entdecken.

Algebuckina Brücke
Algebuckina Brücke

Der Track selbst ist jetzt nicht allzu anspruchsvoll. Je nachdem, wie lange es her ist, dass die “Grader” die Strecke planiert haben, ist es mehr oder weniger holperig. Schotterpiste eben. Nach Regenfällen kann sich der Streckenzustand allerdings schnell ändern. Auch hier gilt, wenn man eine Panne hat oder stecken bleibt, am Auto auf Hilfe warten.

Übernachtung im Outback

Wir waren nun schon seit einiger Zeit im Outback unterwegs und noch immer waren die Übernachtungen im Busch ein Highlight. Rechtzeitig vor der Dämmerung haben wir uns einen Übernachtungsplatz gesucht, das Dachzelt aufgestellt und Feuerholz gesucht. Das Kochen über dem offenen Feuer haben wir offensichtlich damals schon zelebriert. Wenn man dann mit einem eiskalten Bier aus der Kühlbox oder einem Billy Tea mit der Erkenntnis, weitab vom nächsten Nachbarn zu sein, unter einem phantastischen Sternenhimmel sitzt, wünscht man sich nirgendwo anders hin.

Ein Camp im Nichts
Ein Camp im Nichts

Das einzige, was stört, sind die elenden Fliegen! Da hilft manchmal nur der Fliegenschutz, der den ganzen Kopf umhüllt und den man anheben muss, um trinken zu können. An solchen Abenden stellt sich immer wieder die Frage, wer schneller ist – die Fliegen oder wir.

Nach einer dieser Übernachtungen in der Nähe einer Ruine einer ehemaligen Telegraphenstation stand ich morgens, nachdem ich vom Dachzelt herunter gekrabbelt bin, inmitten einer Emu-Herde, die mich genauso verwundert angeschaut haben, wie ich sie.

Hilfestellung im Nichts

Wie wichtig die Ratschläge für das Verhalten bei einem Unfall sind, sollten wir kurz vor einem Ort namens William Creek erfahren. Zum Glück nicht am eigenem Leib.

Kochen am Feuer
Kochen am Feuer

Wir näherten uns auf der staubigen Piste einer trockenen Furt und sahen von weitem schon einen Motorradfahrer stehen. Zuerst dachten wir uns nichts dabei, doch je näher wir ihm kamen, umso deutlicher wurde, dass etwas nicht stimmte. Überall lag seine Ausrüstung verstreut herum und so hielten wir an, um zu fragen, ob wir helfen könnten. Er erklärte uns, dass er im losen Sand der Furt gestürzt und sein Motorrad beschädigt sei. Auf seine Frage, wo denn hier der nächste Bahnhof sei, konnte ich ihm nur antworten, dass die letzte Bahn in der Gegend vor 15 Jahren gefahren ist und es hier keine Bahn mehr gibt. Auch konnte er nicht sagen aus welcher Richtung er gekommen war und wohin er wollte. Gut, im Grunde gab es nur zwei Richtungen. Wäre er jedoch auf die Idee gekommen, in eine andere Richtung zu Fuss loszulaufen, hätte er hunderte Kilometer Outback vor sich gehabt. Und das ganze mit 1,5 Litern Wasser bei Temperaturen jenseits der 40° Celsius im Schatten.

William Creek Hotel
William Creek Hotel

So offensichtlich verwirrt, wie er war, hätte ich es nicht ausgeschlossen, dass er irgendwelche Dummheiten macht. Also haben wir ihm vorgeschlagen, das nötigste zusammen zu packen und mit uns zum nächsten Ort zu kommen. Dann würden wir weiter schauen. Nach William Creek waren es etwas unter 100 Kilometer. Während dieser Fahrt hat er sich gefühlte hundertmal bei uns bedankt und genauso oft dafür, dass er eine gute Versicherung hat.

In William Creek leben nur eine handvoll Menschen. Zentrum des Ortes ist das William Creek Hotel. Die Piste vor dem Hotel wird schon mal als Landebahn für Flugzeuge verwendet. Im Hotel erzählen wir den Wirten, was passiert ist. Was nun folgt, ist die pragmatische Herangehensweise an solche Situationen im Outback.

Er fragt hier noch einmal nach Bus und Bahn. Bahn? Haha, seit Jahren schon nicht mehr! Bus? Gibt es hier auch nicht. Aber da kommt regelmäßig eine Art Versorgungs-LKW. Der kommt immer Montags! Heute ist Dienstag…

Zwischen Coober Pedy und Oodnadatta
Zwischen Coober Pedy und Oodnadatta

Derweil ruft die Chefin im Hospital in Coober Peedy an, welches circa 170 Kilometer entfernt liegt und damit die nächste Möglichkeit für medizinische Hilfe darstellt. Die Schwester am anderen Ende lässt sich die Situation schildern und kommt zu dem Schluss, dass es nicht so dringend sei, dass jemand nach William Creek rausfährt. Er solle mal lieber zusehen, dass er nach Coober Pedy kommt. Wie auch immer.

Derweil bedankt sich der Motorradfahrer immer noch unablässig bei uns und will uns jedesmal einen Drink spendieren. Den ersten nehmen wir ja noch an, doch hätte ich jedes Bier getrunken, dass er mir kaufen wollte, hätte ich auch nicht mehr gewußt, wo ich war.

Schliesslich wird entschieden, dass er sich erst einmal ausruhen soll…

You are at William Creek
You are at William Creek

Im William Creek Hotel ist es üblich, dass Gäste etwas an den Wänden oder Decken hinterlassen. Das macht den Aufenthalt recht kurzweilig, da es auch hier viel zu entdecken gibt. Aufkleber, Visitenkarten, Schals, Geldscheine – alles ist irgendwo angepinnt. Von der Decke hing ein Riesen-BH, in welchem Geld für den Royal Flying Doctor Service gesammelt wurde. Auch wir lassen unsere Weihnachtsmützen hier. Später habe ich in einer Dokumentation über das Outback gesehen, dass die Mützen noch hingen. Vielleicht kann ja mal jemand Bescheid sagen, ob sie immer noch vor Ort sind. Oder ich muss selbst mal nachschauen.

Unsere "Visitenkarten"
Unsere “Visitenkarten”

Nachdem wir den verwirrten Reisenden in die Obhut des William Creek Hotels übergeben hatten, zogen wir schliesslich auch weiter.

Weiter nach Marree

Südlich von William Creek führt der Oodnadatta Track auch weiterhin an Überresten der alten Bahnlinie und der Telegraphenstationen vorbei. Es bieten sich unzählige Fotomotive und hätte ich damals schon eine Digitalkamera gehabt, wären sicherlich Gigabyte an Fotos entstanden. So musste ich mit meinen Diafilmen ein wenig haushalten.

Ruinen einer alten Telegraphenstation
Ruinen einer alten Telegraphenstation

Irgendwann kommt man dem großen Salzsee, dem Lake Eyre, immer näher. Beim Lake Eyre handelt es sich um den größten See Australiens und den sechstgrößten Binnensee der Welt. Leider ist er selten mit Wasser gefüllt. Die Gegend ist so dermassen trocken, dass man schon bald nach dem Aussteigen aus dem Auto bemerkt, wie die Lippen austrocknen.

Am Lake Eyre
Am Lake Eyre

Interessant sind die artesischen Quellen, die es vielfach in der Gegend gibt und die aus einem riesigen unterirdischen Becken gespeist werden. Durch Ablagerungen wachsen diese Quellen in die Höhe und bieten durch die Feuchtigkeit Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Heute muss man hier wohl Eintritt zahlen, damals waren die Quellen eine willkommene Abwechslung während der staubigen Fahrt.

Artesische Quellen
Artesische Quellen

Und schliesslich kommen wir nach Marree, dem offiziellen Start- oder Endpunkt des Oodnadatta Tracks. Und hier stehen schliesslich auch die Eisenbahnen, die mir so im Kopf herumgeisterten.

Doch lange halten wir uns hier nicht auf. Es ist der 31. Dezember 1997 und wir haben im Busch beschlossen, Sylvester in Adelaide zu verbringen. Zugegeben, wir hatten einen kleinen Disput am Lagerfeuer – mir wäre ein Jahreswechsel im Busch auch recht gewesen.

Andere kamen nicht so gut durch
Andere kamen nicht so gut durch

Kurz vor Adelaide müssen wir uns wieder an Fahrspuren und Ampelanlagen gewöhnen, schaffen es aber problemlos bis zum Campingplatz, wo wir bereits lieb gewonnene Bekannte trafen und beschlossen, zur Sylvester-Party gemeinsam auszurücken.

Zugegeben, die Outback Romantik schwingt zwischen meinen Zeilen mit und ich würde sofort wieder dorthin aufbrechen wollen. Diese Weite, dieser Hauch Abenteuer, diese Freiheit! Oder auch dieser unfassbar guten Burger, die es an den Roadhouses oft gab. Aber das könnte eine eigene Geschichte werden.

Doch offensichtlich sieht es nicht jeder so und so entstand wohl auch das folgende Gedicht über Oodnadatta:

Oodna – Bloody – Datta

This bloody town’s a bloody cus,
No bloody trams, no bloody bus, 
And no-one cares for bloody us,
In Oodna-bloody-datta. 

Just bloody heat and bloody flies, 
The bloody sweat runs in your eyes, 
And if it rains, what a surprise! 
In Oodna-bloody-datta. 

No bloody fun, no bloody games, 
No bloody sport. No bloody dames, 
Won’t even give their bloody names, 
In Oodna-bloody-datta. 

No bloody clouds or bloody rain, 
No bloody curbs no bloody drains, 
The bloody Council’s got no brains, 
In Oodna-bloody-datta. 

The bloody goods are bloody dear, 
A bloody buck for a bloody beer, 
But is it good – no bloody fear, 
In Oodna-bloody-datta. 

The bloody dances make you smile, 
The bloody band is bloody vile, 
They only cramp your bloody style, 
In Oodna-bloody-datta. 

The best place is in bloody bed, 
With bloody ice upon your head – 
You might as well be bloody dead, 
In Oodna-bloody-datta. 

(unknown)


Dieser Beitrag ist Bestandteil des Outdoor-Blogger Adventskalenders 2016. Jeden Tag öffnet sich ein anderes Türchen lustigen, kritischen oder nachdenklichen Geschichten, Anregungen oder auch Filmchen. Dies war das 16. Türchen. Hinter dem 15. verbarg sich gestern “Bad Hiking-Santa” in einem Video von Torben vom Wandervideoblog und morgen öffnet Alex von bergreif.de das 17. Türchen. Die Idee stammt von Sven von aufundab.eu, auf dessen Seite ihr alle Geschichten nachlesen könnt. #outdooradvent

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