Geocaching im Jahr 2017

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Wir schreiben das Jahr 2017 und ich will cachen gehen. Ja, ich bin immer noch dabei und das seit über 10 Jahren. Es gab Höhen und Tiefen. Wohl wahr. Mittlerweile kann ich mich wohl als alten Hasen bezeichnen, der noch aus einer Zeit erzählen kann, als die Dosensuche nur einer relativ überschaubaren Gruppe von Menschen ein Begriff war. Doch das ist lange her…

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Damals war ich auch noch regelmässig draussen paddeln und klettern. Das waren noch Zeiten! Obwohl man damals schon hätte merken können, in welche Richtung der Zug sich in Bewegung gesetzt hat. Die Umwelt! Ja ja. Die Umwelt und der Freizeitsport. Wie Katz und Maus. Inkompatibel! Und wir als Paddler, Kletterer und Geocacher, die einen Grossteil der Freizeit in der freien Natur verbrachten und so ihre Vorzüge sehr zu schätzen wussten, ausgerechnet wir wurden aus der Natur verbannt. Wir würden sie stören, zerstören gar!

Die Umwelt musste vor uns geschützt werden. Genau wie wir vor uns selbst geschützt werden mussten. Es konnte ja allerhand passieren – so in der freien Natur. So mitten im wilden Mitteleuropa.

Als Paddler hatten wir ja damals schon so unsere Erfahrungen mit Befahrungsverboten auf etlichen Flüssen. Und es wurde immer schlimmer. Wir würden die Fische beim Laichen stören und die Ufer zertrampeln. Von den ewigen Scharmützeln mit den Anglern ganz zu schweigen. Nun hatten Umweltschützer und Angler seit jeher eine stärkere Lobby als wir Freizeitsportler und es kam, wie es kommen musste. Ein Bach nach dem anderen wurde uns verwehrt. Und was nicht wegen Umweltschutz gesperrt wurde, versank in den Staubecken der grossen Stromkonzerne, die auch noch den letzten Wildbach zähmten, um Turbinen antreiben zu können. Schon damals gab es die ersten künstlichen Wildwasserbecken. Riesige Pumpen sorgten für ordentlich Strömung – angetrieben mit Strom aus Wasserkraftwerken auch aus den Alpen.

Zum Klettern gingen wir sowieso schon in die Hallen. Die meisten Berge in NRW waren ja bereits fürs Klettern gesperrt.

Dabei fällt mir ein, dass ich ja gleich verabredet bin. Zum Mega-Event. Eine neue Indoor-Geocaching-Halle wird eröffnet. Gesponsert von einem grossen GPS-Gerätehersteller. Diese Hallen schiessen jetzt aus dem Boden, wie damals die Skihallen. Ich habe damals schon immer gesagt, dass wir in NRW gar nicht mehr weit fahren brauchen, um unseren Outdoor-Sport zu betreiben. Nur halt indoor. Aber sonst fast wie draussen. Wir konnten ja auch überdacht Tauchen.

Ja, das Geocaching hat sich verändert. Urbane Caches sind seit 2013 verboten. Die allgemeine Sorge vor Anschlägen hat die Situation für alle Beteiligten unerträglich werden lassen. Als Cacher wurde man ständig beobachtet und verdächtigt. Immer öfter rückte der Kampfmittelräumdienst aus. Und immer öfter holte man sich die Kosten vom Cacheowner zurück. Als Kompromiss wurden die Virtuals wieder zum Leben erweckt. Doch diese Caches konnten sich nie mehr so richtig durchsetzen.

Und ausserhalb der Stadt? Da war die freie Natur und diese nach mittlerweile allgemeiner Überzeugung nicht vereinbar mit dem gemeinen Geocacher. Der Zugang zum Wald wurde irgendwann eingeschränkt. Naturschutz natürlich. Und zu unserem eigenen Schutz auch. Wie oft sind Geocacher damals der jagenden Zunft in die Quere gekommen. Was da alles hätte passieren können.

Kann ja heute nicht mehr.

Völlig gefahrlos cachen wir heute in der Halle. Die T-Wertungen wurden auf 10 Sterne erweitert, um auch in den schwierigeren Bereichen eine Unterscheidung in Leiter oder Seil, Kajak oder Luftmatraze zu ermöglichen. Ab einer Wertung von T>6 muss der Log von einem Instruktor freigeschaltet werden. Dafür lassen sich die Jungs aber jede Woche tolle neue Caches einfallen. Cache mit T<4 finden meistens in der Simulation statt. Wie bei einem Computerspiel, nur grösser und mit Bewegungssensoren. Die Simulationen sind wirklich toll. Der Wald zum Beispiel – ziemlich real.

Ich frage mich gerade, wann genau sich das Spiel geändert hat. Wann genau gerieten die Geocacher ins Visier der Öffentlichkeit und wann wurden wir zum Feindbild? War es zu der Zeit, als sich die Medien auf das Thema einschossen? Als sich die Stimmung drehte und aus dem hippen Spiel, der Schnitzeljagd per Satellit, plötzlich ein umweltzerstörender Frevel wurde, wo Massen durch die Wälder trampelten und Höhlen zumüllten? Oder begann es bereits früher? Als zum Beispiel die Zahl der Blogs und Internetseiten, die sich mit dem Thema beschäftigten, exponentiell anstieg? Bin ich vielleicht selbst Schuld an dieser Entwicklung? Aber ich habe doch nur über ein schönes Hobby geschrieben? Ich habe die Kinder dahingehend erzogen, Respekt vor der Natur zu haben und sie als schützenswertes Gut zu betrachten. Warum darf ich ihnen heute nicht mehr die Wunder der Natur quasi in natura zeigen? Warum wurde uns keine Chance mehr gegeben, der nächsten Generation den vernünftigen Umgang mit der Natur nahezubringen? Stattdessen wurden wir ausgesperrt.

Na ja, wie auch immer. Ich muss jetzt los. Die Kinder vom Indoor-Drachensteigen abholen und dann zum Event. Mal schauen, ob…

… Boah, ich bin wohl vor dem Rechner eingeschlafen. Hab totalen Mist geträumt. Schreckliche Vorstellung – ein regelrechter Albtraum. Was wollte ich eigentlich am Computer? Eine PQ ziehen. Genau! Für die Cachetour im Wald am kommenden Wochenende.

Puhh, ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich an den Traum denke…

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8 KOMMENTARE

  1. Es liegt an uns allen, dass dieser Albtraum nie real wird.
    Denn was gibts schöneres als sich in der freien Natur aufzuhalten?

    gut Pfad!

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