Dünne Luft und schwere Beine – Der Grand Paradiso

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Outdoor-Ausrüstung bei Bergfreunde.de

Ich durfte mal wieder mit den Jungs zum Spielen nach draussen. Um genauer zu sein, in die Berge. Anfang Oktober zog es Robert, Dietmar, Burkhard und mich zum Grand Paradiso, wo drei aus unserer Gruppe ihren persönlichen Höhenrekord auf 4061 Meter hochsetzen wollten. Auf dieser Höhe nämlich wartet auf dem höchsten Berg Italiens eine schneeweisse Madonna auf den geneigten Bergsteiger.

Wieder unten

Wir hatten uns ein verlängertes Wochenende frei geschaufelt und uns einiges vorgenommen. Na ja, sagen wir der Plan war im ersten Teil recht präzise und liess im weiteren Verlauf in punkto Detailtreue massiv nach. Soll heissen, wir wollten auf den Grand Paradiso und wir hatten für die Zeit danach etliche Alternativen. Diese Vielzahl an Optionen erschwerten ein wenig die Packerei, so dass am jeder einen Rucksack mit Bergsteigerkram und eine Tasche mit dem Rest mitnahm. Ich für meinen Teil kam mir vor, als wenn ich den Inhalt meines Ausrüstungskellers auf einen Haufen packte und die Paddelklamotten wieder aussortierte.

Angesichts des Ferienbeginns in Deutschland haben wir die Abfahrt in Ratingen bei Düsseldorf kurzfristig auf morgens um 5:00 Uhr vorverlegt. Zwei Stunden später wurde Burkhard bei Frankfurt aufgelesen und erstaunlicherweise kamen wir ohne grosse Verzögerungen gegen 15:00 Uhr am Parkplatz in Pont an. Glück gehabt! Aus unserem riesen Sammelsurium wurde nun die Ausrüstung für die anstehende Bergtour zusammen gepackt. Ein Bergfex in Hochgebirgsausrüstung kam wohl gerade von oben und berichtete von der Hütte. So hörten wir zum Beispiel von Holz und einem Bollerofen und beschlossen, den Kocher im Auto zu lassen.

400 von 800 Höhenmetern geschafft

Dann ging es los in Richtung Refugio Vittorio Emanuele, welches in einer Höhe von 2732 Metern auf uns wartete. Wir wussten bereits vorher, dass die Hütte bereits im Winterschlaf ist, für unsereins aber Winterquartiere bereit hielt. Die Stimmung beim Aufstieg war ein wenig gespalten, da wir auf der einen Seite euphorisch waren, unterwegs zu sein, auf der anderen Seite liess das Wetter aber zu wünschen übrig. Im Tal hingen dicke Wolken und die Hütte selbst offenbarte sich im Dunst auch erst im letzten Augenblick. Vielleicht ist das aber auch gut so, denn so ein richtiger Augenschmaus ist die Hütte nicht.

Refugio Vittorio Emanuele

Das Winterquartier setzt sich aus verschiedenen Räumen in der alten Schutzhütte zusammen. In einem Raum hatten sich bereits zwei Franzosen verschanzt. Wir breiteten uns dann in dem Raum mit dem Bollerofen aus, der gleich enzündet wurde, um das Abendessen zu bereiten. Robert hatte uns Spaghetti Carbonara versprochen – immerhin waren wir in Italien. So ein Bollerofen ist ja an sich eine feine Sache – nur eben zum schnellen Kochen nicht geeignet. Das Essen war dann doch irgendwann fertig und als Verfeinerung des Abendmahls zauberte Dietmar Rotwein aus einer Nalgene-Flasche hervor. Wer sagt denn, dass man am Berg darben muss. (Wie man weiter unten bald lesen kann, hatten wir unser Pulver damit auch weitgehend verschossen.)

Lecker Futtern auf der Hütte

Nun tat auch er der Bollerofen, was ihm seine Bestimmung auferlegt hat – er heizte wie nichts Gutes. Die vielen Decken und dicken Schlafsäcke waren gar nicht vonnöten. Als wir unter selbigen verschwanden, war es draussen gerade am Regnen und dieser Regen wuchs kurz zu einem regelrechten Wolkenbruch heran. Sehr beeindruckend unter einem Blechdach. Wie würde sich das Wetter wohl auf unsere Tour auswirken? Wenn es hier stark regnete, könnte es durchaus sein, dass es weiter oben stark schneite! Jeder machte sich so seine Gedanken und versuchte ein wenig Schlaf zu finden. Ich war da nicht so sehr erfolgreich bis der Wecker um 04:00 Uhr klingelte. Und wie die anderen bestätigten, erging es ihnen nicht viel anders.

Frühstück

Nach einem kurzen Frühstück stapften wir so gegen 05:00 Uhr los. Nur nicht in Richtung Gipfel, sondern erst einmal zu einer Ehrenrunde um die Hütte. Man sollte sich halt vielleicht doch am Tag vorher die Route mal anschauen. Bei unserem Abmarsch jedenfalls war es total diesig, so dass man im Schein der Kopflampe gerade mal ein paar Meter weit schauen konnte. Doch schon kurz danach – nicht zuletzt Dank der GPS Geräte – kehrten wir auf den rechten Pfand zurück und begannen mit dem Anstieg. Dieser führt am Anfang erst einmal durch ausgedehnte Geröllfelder, wo man sich quasi von Steinmann zu Steinmann hangelt. Schon nach recht kurzer Zeit – ich schätze, es waren knapp 100 Höhenmeter, wurde die Sicht deutlich besser und plötzlich wanderten wir unter einem wunderschönen Sternenhimmel. Auch war hier nichts von Neuschnee zu sehen. Wir hatten also das schlechte Wetter unter uns gelassen und sahen einem wunderschönen Tag entgegen.

"Im Frühtau zu Berge wir zieh'n fallera..."

Schon bald ging es vom Geröll auf Schnee und wir liefen über Schneefelder und Gletscher. Die beiden französichen Jungspunde hatten uns längst überholt und wir sahen ihre Spuren im Schnee und die Kopflampen am Berg. Der von uns gewählte Weg auf den Gipfel erwies sich in der Tat als relativ leicht. Obwohl wir noch einiges an Ausrüstung mit führten inklusive Steigeisen und Eispickel, verzichteten wir doch darauf. Der Weg liess sich auch mit Bergstiefeln und Trekkingstöcken gut und sicher begehen.

Irgendwann ging die Sonne auf und uns präsentierte sich ein beeindruckendes Bergpanorama. Ich wollte so etwas schon immer mal erleben, dass man hoch über der Wolkendecke in den Bergen wandert. In der Ferne konnte man den Mont Blanc sehen und fast zum Greifen nah war die Madonna auf “unserem” Berg. Doch noch galt es den einen oder anderen Höhenmeter zu bezwingen.

Kurz vor dem Gipfel

Dies war auch der Moment, wo bei mir die Höhe zuschlug. Ich merkte, wie die Beine immer schwerer wurden und ich nach ein paar Schritten verschnaufen musste. An der Kondition kann es eigentlich nicht gelegen haben und wir beschlossen, dass die dünne Luft schuld war. Ich war nun zwar langsam, aber trotzdem nicht aufzuhalten und schliesslich versammelten wir uns am Gipfel. Mir war speiübel und ich ruhte mich auf einer Felsplatte erst einmal im Sonnenschein aus. Erwähnte ich eigentlich schon, dass das Wetter einfach nur ein Traum war?

Als bei mir langsam die Lebensgeister zurück kehrten, meinten die anderen, dass wir langsam absteigen sollten, da bei ihnen die Kopfschmerzen begannen. Die Höhe scheint sich unterschiedlich auf uns ausgewirkt zu haben, da mich keine Kopfschmerzen plagten.

Auf dem Grand Paradiso

Mit jedem Schritt nach unten ging es allen wieder besser. Das Grinsen auf unseren Gesichtern wurde zusehens breiter. Beim Abstieg erkannten wir auch einen weiteren Vorteil des frühen Abmarsches. Im Dunkeln sieht man den zermürbenden Anstieg über endlose, steile Schneefelder nicht in seiner ganzen Länge.

Robert und Burkhard beim Abstieg

Kurz vor der Hütte entschieden wir spontan, noch eine weitere Nacht hier zu verbringen, um uns über den weiteren Verlauf des Wochenendes Gedanken zu machen. Nun gab es allerdings keine Spaghetti und Rotwein, sondern Studentenfutter, Minisalami und Müsliriegel. Ganz im Sinne der Bergkameradschaft wurde noch eine Tütensuppe geteilt. Auch gönnten wir uns den einen oder anderen Instant-Espresso. Jeder versuchte, so viel wie möglich von seinem Proviant zu verteilen, auf dass er es am nächsten Tag nicht mitzuschleppen hätte.

Erholung im Schein der Sonne

In dieser Nacht schliefen wir wesentlich besser, was sicherlich auch einer besseren Akklimatisierung zuzurechnen ist. Nach einem sehr kurzen Frühstück aus (Überraschung !) Müsliriegeln stiegen wir am Morgen zum Parkplatz ab. Noch immer hatten wir keinen rechten Plan, wohin die Reise nun führen sollte, doch ein kurzer Blick auf den Wetterbericht sagte uns, dass wir hier wohl nicht bleiben würden.

Und hier noch der Track der Tour.

Grand_Paradiso_Track_clean

Rückblickend kann ich über die Tour nur sagen:

  • Es hat riesen Spass gemacht!
  • Wir sind ein perfektes Team, mit dem ich wirklich jede Herausforderung angehen würde!
  • Nächstes Mal nicht ohne Akklimatisierungstour! Ich habe jetzt eine gewisse Ahnung, wie mein Körper auf Höhe reagiert.
  • Meine gebastelte Helmkamera-Halterung am Rucksack ist ein Schritt in die richtige Richtung.
  • Bei 4061 Metern muss noch nicht Schluss sein.

Übrigens haben wir dann spontan beschlossen, so lange nach Norden zu fahren, bis das Wetter besser wird und es etwas zu klettern gab. Das war dann schliesslich Baden-Baden. Aber davon berichte ich in einem anderen Artikel.

Ach ja, hätte ich mehr Zeit, wäre der Film vielleicht schon fertig. Aber so müsst Ihr Euch noch etwas gedulden.

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7 KOMMENTARE

  1. Sehr feine Tour. Da werde ich richtig neidisch. Der GP steht auch noch auf meiner ToDo Liste. Zum “Gipfelsturm” war das Wetter ja bombig.

    … und in der Tat muss bei 4061 nicht unbedingt Schluss sein 😉

  2. Na dann mal Berg Heil von mir! Klingt nach einer tollen Tour bei Topbedingungen, so macht das doch Spass, klasse! Der GP wird ja auch gerne als Latschviertausender bezeichnet, aber unterschätzen darf man das allein schon oder eben gerade auch wegen der Höhe nicht. Immerhin habe ich mittlerweile für mich rausgefunden, daß ich immer die ein oder andere Tablette dabeihaben sollte, da es bei mir auch schon recht früh losgeht und ich vermutlich hier auch trotz aller Kondition ziemlich im Eimer gewesen wäre. Da kann man übrigens auch mit Training nicht dran drehen, nur mit ausreichender Akklimatisierung. Toll, daß es geklappt hat, und daß Ihr ein klasse Bergerlebnis hattet. Dann mal auf zu neuen Taten und Berichten 🙂

  3. Hallo,

    danke für den Beitrag. Wir planen auch so eine Tour.
    Ich wollte fragen, ob das Winterquartier offen ist, oder ob man sich da irgendwo anmelden muss, oder einen Schlüssel organisieren muss.

    Würd mich freuen, von Dir zu hören,

    lg Andi

  4. @andi

    Das Winterquartier ist offen. An den Türen hängt ein Zettel mit dem Hinweis, wo man nach der Tour seine Übernachtungsgebühr zu entrichten hat. Das war ein Café im Tal, Namen habe ich jetzt aber nicht parat.

    Viel Spass bei Eurer Tour!

    Gruss, Rene

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